Die deutsche Mannschaft hat ihr großes Ziel nicht erreicht: Im WM-Halbfinale verliert die Elf von Joachim Löw gegen Spanien mit 0:1. In einem taktisch geprägten Spiel trifft Abwehrspieler Carles Puyol in der 73. Minute nach einer Ecke per Kopf. Spanien trifft am Sonntag im Endspiel auf die Niederlande.
Die Traumreise der deutschen Nationalmannschaft ist bei der Weltmeisterschaft zu ihrem Ende gekommen. Im Halbfinale war Europameister Spanien gegen das junge deutsche Team ein zu spielmächtiger Gegner, um aus der 12. deutschen Halbfinalteilnahme das achte Endspiel werden zu lassen. Die Kurzpassmeister dürfen nun am Sonntag nach dem entscheidenden Treffer von Carles Puyol (73. Minute) mit einem unbedrängten Kopfball nach einem Eckball am Sonntag in Johannesburg gegen die Niederlande ihr zweites Championat nach dem EM-Endspielsieg gegen Deutschland (ebenfalls 1:0) anstreben.
In einem Duell, in dem sich die Deutschen schon früh in die Defensive gedrängt sahen, fehlten ihn diesmal die spielerischen Möglichkeiten, um sich wie gegen England und Argentinien entfalten zu können. Das spanische Original war an diesem Abend von Durban besser als sein jugendlicher Herausforderer, der auch keine Möglichkeit fand, mit einem veränderten Konzept die Kombinationsfußballer in Bedrängnis zu bringen.
Auch als der Bundestrainer in den letzten Minuten seine Mannschaft fast ohne jede Absicherung auf den Ausgleich drängen ließ, ergaben sich keinen nennenswerten Torchancen. Die Deutschen müssen sich nun wie schon bei der Weltmeisterschaft 2006 mit dem Spiel um den dritten Platz gegen Uruguay am Samstag in Port Elizabeth trösten - und mit der Aussicht, dass in den kommenden Jahren ihre Zeit für einen Titelgewinn nach einer erstklassigen Weltmeisterschaft 2010 noch kommen kann.
Die größte Aufregung in der ersten Halbzeit verursachte der Fall von Mesut Özil. Bei einem der wenigen, aber regelmäßigen gesetzten deutschen Kontern vor der Pause drang der Mittelfeldspieler in den Strafraum ein und Sergio Ramos berührte den Bremer von hinten, ein Kontakt am Rande eines Elfmeters, aber Özil' Sturz war vielleicht ein bisschen zu sehr auf den Pfiff des Schiedsrichters aus, dass Kassai nicht reagierte. Jogi Löw beklagte sich am Spielfeldrand und die deutschen Spieler auch, aber eine ganz eindeutige Sache war dieser Fall eben auch nicht.
„Die Spanier haben eine riesengroße Ordnung“
Ansonsten sahen sich die Deutschen in der ersten Halbzeit viel stärker zur Passivität verurteilt als ihnen das lieb sein konnte. Schon nach wenigen Minuten wurde deutlich, dass die spanischen Altmeister des auf Ballbesitz angelegten dominanten Spiels sich die Herrschaft darüber nicht nehmen lassen wollten. Sie ließen den Ball und die Deutschen laufen, wie es das junge Team bisher noch nicht erlebt hatte. Sie hatten auch durch das frühe und gezielte Stören der Spanier im Mittelfeld, das Forchecking zu nennen übertrieben wäre, so große Schwierigkeiten beim geordneten, systematischen Spielaufbau wie bisher noch nie bei der WM.
Mit anderen Worten: Den Spaniern war mit den von ihnen selbst entwickelten Waffen des Kurzpass- und Kombinationsspiels nicht beizukommen. Iniesta und Xavi dominierten im Mittelfeld und Pujol hielt die Abwehr zusammen - und sollte seinen großen Auftritt später noch bekommen. „Die Spanier haben eine riesengroße Ordnung auf dem Platz, sie sind kaum aus dem Konzept zu bringen, die Mannschaft ist selbstsicher, aber nicht überheblich. Sie weiß, was sie kann“, hatte Spielbeobachter Urs Siegenthaler vor der Partie gesagt. Er sollte recht behalten.
Deutschland versucht es vor allem mit Kontern
Nach rund zwanzig Minuten und zwei ordentlichen, aber nicht herausragenden Chancen der Spanier - erst tauchte Neuer gerade noch rechtzeitig vor Torjäger Villa auf (7.), dann landete der Kopfball von Pujol nach einer trickreichen Eckballkombination über dem Tor (14.) - fanden die deutschen besser zu ihrem für dieses Spiel neu angepassten Rhythmus.
Sie versuchten vor allem mit Kontern zum Erfolg zu kommen, worauf sie sich gegen England und Argentinien erst nach der Führung verlegt hatten. Sie deuteten einige Male Gefahr an, aber zum Abschluss brachten sie ihre Aktionen nicht mit der zuvor gezeigten Durchsetzungskraft. Die beste Gelegenheit blieb so ein Fernschuss von Trochowski, der den gesperrten Müller auf der rechten Seite wie erwartet vertrat, aber seine Unberechenbarkeit und Respektlosigkeit vor den Fußball-Größen der Welt nicht ersetzen konnte.
Jansen kommt für den zu verhaltenen Boateng
Überhaupt fehlte dem deutschen Spiel eine Portion Giftigkeit, und nach dem Wechsel schwand zusehends die Widerstandskraft gegen die Spanier, die so sicher kombinierten, aber unter ihrer mangelnde Durchschlagskraft litten. Von der 48. bis zur 58. Minuten erspielten sich die Spanier fünf Möglichkeiten, sie näherten sich immer näher dem ersten Treffer, vor allem, als sich Iniesta durchgespielt hatte, aber seine Hereingabe fand keinen Abnehmer. Löw reagierte. Für den allzu verhaltenen Boateng brachte er den offensivfrecheren Jansen, für Trochwoski, der das Spiel nicht schnell machen konnte, den zielstrebigeren Kroos.
Die Stärkung der linken Seite verminderte etwas den Druck, aber die Ballkontrolle, mit der die Spanier die Partie beherrschten dauerte an. Nach 69 Minute bot sich Kross nach Flanke von Podolski die beste Gelegenheit, aber Casillas, der vom „wichtigsten Spiel der spanischen Geschichte“ gesprochen hatte, war zur Stelle.
Puyol trifft zum Sieg nach einer Ecke per Kopf
In der 72. Minute geschah dann, was sich mehr als nur angedeutet hatte. Puyol erzielte mit einem Kopfball nach einer Ecke per Kopf die Führung. Gleich zwei Spanier standen bei diesem Zuordnungsproblem frei vor dem Tor. Löw brachte nun auch noch Stürmer Mario Gomez ins Spiel für Khedira, doch für Gefahr konnte die deutsche Mannschaft trotzdem nicht sorgen.
Die Spanier standen kompakt und konzentriert, und ihnen boten sich vielmehr beste Konterchancen für einen höheren Sieg. Nach dem Schlusspfiff sanken die deutschen Spieler, die in Schweinsteiger wieder ihren Antreiber hatten traurig zu Boden. Pujol tröstete Schweinsteiger, aber den Deutschen war bei aller Enttäuschung anzumerken, dass sie an diesem Tag an einer Mannschaft gescheiterte waren, die besser Fußball spielen konnte als sie selbst.
Quelle: www.faz.net
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